von Lamees (Laura Cornelius)
Das Kopftuch hört nicht auf, ein Reizthema zu sein. Und das wird auch nicht aufhören, solange etwas, das eigentlich für jede Frau natürlich sein sollte, von Regierungschefs, Medien und Meinungsmachern in der ganzen Welt diffamiert wird. Es ist das Sinnbild der Kluft zwischen denen die glauben, dass die Gesetze aus Quran und Sunna bis zum Jüngsten Tag modern (gültig) sind und jenen die glauben, Moderne sei das, was Hollywood und G8 dafür erklären. Es gibt reichlich Diskussionsstoff und Aufklärungsbedarf, die sehr gerechtfertigt sind - aber ein Punkt aus dieser Diskussion muss gestrichen werden! Denn ständig - egal ob Nichtmuslime oder Muslime über das Kopftuch reden - ständig muss jemand erwähnen, dass es angeblich Frauen gäbe, die bauchfrei herum laufen und dazu Kopftuch tragen. Ich sage angeblich - denn auch jene, die sagen, sie hätten diese Kombination mit eigenen Augen gesehen, sollen noch einmal ehrlich antworten (und Allah hört alles) bauchfrei? mit nacktem Bauch? Minirock mit nackten Beinen? Oder war es vielleicht eher ein kurzer Rock über einer engen Hose und ein T-Shirt, das vielleicht etwas kurz war, aber zumindest über den Hosenbund ging?
Dies ist schon ein Unterschied, denn der Hijab hat zwei Bedingungen:
1.) Alles soll verdeckt sein bis auf und Gesicht und Hände (bei den Füßen gibt es Meinungsverschiedenheiten unter den Rechtsschulen)
2.) Die Kleidung soll weit sein und nicht die Körperformen abzeichnen. Trägt die erwähnte Frau also Minirock über einer Jeans, so hat sie zumindest die erste Voraussetzung erfüllt. Man kann sogar sagen, sie hat sich um die Erfüllung der zweiten Bedingung ebenfalls bemüht, denn der Rock sollte wohl das verdecken, was die Jeans allein noch deutlicher abgezeichnet hätte.
Aber einig sind wir uns wohl: Hijab (die ordnungsgemäße, korrekte Bekleidung einer Muslima) sieht anders aus.
Dennoch: die Floskel "Kopftuch und Minirock" ist oft eine Lüge, die nicht den Tatsachen entspricht und es ist wichtig, Menschen, die diese Aussage in den Mund nehmen, darauf hinzuweisen. Was sind die Motive dafür? Ein friedwilliger Nichtmuslim will wohl ausdrücken: "So viel besser sind die auch nicht als wir/ bzw. unsere Frauen", ein Böswilliger will unsere Religion ins Lächerliche ziehen. Es sprechen hier Neid und Ablehnung. Und bei den Muslimen? Die sagen es natürlich nur, um der lieben Schwester in der engen Jeans zu helfen auf den richtigen Weg zu kommen. Ist das so? Es sitzen drei Frauen in weiten Kleidern zusammen und jede weiß zu berichten, was sie schon Unmögliches gesehen hat. Kopftücher in grell-grün-glitzer und dazu noch dicke Halsketten über der Kleidung und bei der anderen guckt der Pony unterm Kopftuch hervor und die andere trägt Sechs-Zentimeter-Absätze und es gibt und gibt und gibt.. noch viele solcher Beispiele zu berichten. Welchen Nutzen haben die drei Schwestern davon, dass sie diese aufzählen? Gar keinen! Sie frönen nur ihrem Nafs, indem sie sich selbst sagen: "Wir sind besser." Und wer war der Erste der dies sagte? Iblis war es!
Das "Sich selbst toll finden" ist eine Vorstufe von "eingebildet sein" und Hochmut (arabisch: kibr). Und dies eine sehr gefährliche Eigenschaft, denn Allah t. hasst die Hochmütigen. Abdullah ibn Masud berichtet: "Der Prophet s.a.s. hat gesagt: "Keiner wird ins Paradies kommen, der auch nur im Gewicht eines Stäubchens Hochmut in seinem Herzen hat." Dies berichtet Muslim. Der Hadith ist ein Beweis dafür, dass Gebet und Zakat und Hijab und all das am Jüngsten Tag nichts nützt, wenn der Mensch sich auf Grund seiner (äußeren) Religiösität für etwas Besseres hält.
Ein sehr schönes Exempel dafür gibt uns Allah t. im Qur'an anhand der Geschichte des Propheten Davids a.s. In Sura Sad (38) berichtet Allah t. von zwei Männern die zu David a.s. kommen und ihn um ein Rechtsurteil bitten. Der eine Mann sagt: "Dieser ist mein Bruder; er hat 99 Mutterschafe und ich habe ein einziges Mutterschaf. Dennoch sagte er: "Übergib es mir", und hat mich in der Rede überwunden." (38:23) Er (David) sagte: "Wahrlich, er hat ein Unrecht an dir verübt, als er dein Mutterschaf zu seinen eigenen Mutterschafen hinzuverlangte. Und gewiss, viele Teilhaber (Geschäftspartner) vergehen sich gegeneinander; nur die (sind davon) ausgenommen, die glauben und gute Werke tun; und das sind wenige." Und David merkte, dass Wir ihn auf die Probe gestellt hatten; also bat er seinen Herrn um Verzeihung und fiel betend nieder und bekehrte sich. (38:24)
Warum fiel der Prophet David a.s. betend nieder und bat um Verzeihung? In der Erläuterung von Abdullah Yusuf Ali heißt es dazu, dass David a.s., als er seine Rede darüber schwang, dass es nur so wenig Männer gebe, die rechtgeleitet sind, er für einen Moment lang selbstgefällig war und vergaß, dass er die Gnade seiner eigenen Rechtleitung allein Allah subhana wa ta'ala zu verdanken hat. Der Prophet Gottes, der ein König war und ein gerechter Richter und vorzüglicher Gottesdiener - er erschrak und bereute sofort, dass er sich darin sonnte besser zu sein als ein Mann, der so übel ist, dass er seinem eigenen Bruder das einzige Schaf nimmt! Und er betete daraufhin im Sudschud, dass Allah ihm dies vergeben möge, während wir uns noch ein Plätzchen in den Mund stecken und überlegen, welche Hijab-Sünden wir noch alle zu berichten wissen.
Hierzu noch einmal der vollständige Hadith der oben angeführt ist:
Der Prophet s.a.s. sagte: "Keiner wird ins Paradies kommen, der auch nur im Gewicht eines Stäubchens Hochmut in seinem Herzen hat." Da sagte ein Mann: "Ein Mann will doch aber, dass sein Gewand schön ist und dass seine Schuhe schön sind". Er (d. h. der Prophet (s.a.s.) sagte: "Allah ist schön und Er liebt die Schönheit. Hochmut aber ist, wenn man das Recht (bzw. die Wahrheit) missachtet und die Menschen geringschätzig betrachtet". Sich im Rahmen der islamischen Kleiderordnung schön anzuziehen, ist also nicht haram, sondern sogar wünschenswert, solange die Kleidung nicht auffällig ist.
Aber noch einmal zurück zu der Schwester in den engen Jeans. Wie sollen wir uns verhalten, wenn wir sie denn nun sehen? Zwei Beispiele, die die Autorin dieses Textes selbst so gesehen hat:
1. Eine junge Muslima ohne Kopftuch und kommt mit kurzer Jacke, Kleid und Leggings zur Moschee. Einen Schal hat sie sich mitgebracht und wickelt ihn um bevor sie die Moschee betreten will. Eine andere Muslima, die noch draußen vor dem Tor steht, beobachtet sie und ruft so laut, dass sich sämtliche Köpfe zur jungen Frau umdrehen: "Mit dem Outfit brauchst du auch kein Kopftuch umbinden!".
2. Eine andere Muslima ist während des Ramadans zum Iftar in der Moschee, ihre Klamotten sind eng und sie hat den Schal so gewickelt, dass ihr Haaransatz zu sehen ist. Als der Adhan ertönt fragt eine Schwester sie: "Kommst du mit uns zum Gebet?" Sie antwortet verlegen: "Ich kann nicht beten". Das Gesicht der Schwester bleibt ganz sanft: "Dann komm einfach mit und mach so gut mit wie du kannst". Während die Frauen sich zum Gebet aufstellen, reicht die Schwester ihr dann ganz unauffällig einen Gebetsrock, den sie für das Gebet über die Jeans ziehen kann.
Besonders ist bei diesen Beispielen, dass es sich jeweils um Musliminnen handelt, die ihre Religion noch nicht richtig ausleben, aber bereits von sich aus in die Moschee kommen um sich dem Din weiter zu nähern. Jetzt liegt es an den Schwestern, ob sich die Frauen im Islam warm und herzlich aufgenommen fühlen, oder ob sie bei zu nahem Kontakt Angst haben, von der "Haram-Polizei" bloßgestellt zu werden. Es ist wichtig zu sagen, dass in den meisten Fällen, in denen Frauen etwas unpassende Outfits zum Kopftuch tragen, es sich um jugendliche Mädchen oder junge Frauen handelt, die oft noch nicht so gefestigt in ihrer eigenen Identität sind. Gerade bei jugendlichen Mädchen, die sich vielleicht gerade in einer pubertären Phase befinden, wo sie sich unsicher fühlen und sich dem Stil ihrer Klassenkameradinnen anpassen wollen, ist ihnen mit einem "das Kopftuch sieht aber wirklich hübsch an dir aus" weitaus mehr geholfen als "dein Pulli ist viel zu kurz". Das unterliegt jetzt dem pädagogischen Bereich und in diesem Punkt sind eigentlich die Eltern in der Verantwortung. Es wird wohl keiner 16-Jährigen seelischer Schaden zugefügt, wenn Vater oder Mutter einmal ein energisches "So gehst du nicht vor die Tür" ausspricht. Von den Eltern ist es ja etwas anderes als wenn es von fremden Frauen in der Moschee kommt. Aber wer weiß, aus welchen Verhältnissen die Frauen jeweils stammen. Und vielleicht ist es in Wirklichkeit auch ganz anders als es aussieht und die besagte Frau ist in ihrem Herzen und ihrer Absicht, trotz ihrer engen Jeans, sehr viel besser als diejenigen, die die Nase über sie rümpfen. Vielleicht hat sie Tauhid und Aqida sehr viel besser verinnerlicht und hat auch einen schönen Charakter, so dass sie niemals über andere schlecht redet und von allen immer das Beste denkt und wenn sie etwas Schlechtes über einen Bruder oder eine Schwester hört, so findet sie erst einmal 70 Entschuldigungen für ihn oder sie.
Umar r. sagte: "Wenn dein Bruder einen Fehler macht, versuche 70 Entschuldigungen für ihn zu finden. Wenn dir nach den 70 Entschuldigung keine Ausreden mehr einfällt, dann sag: "Vielleicht hat er eine Entschuldigung dafür". (aus Bulugh al-maram von Ibn Hadschar Al-Asqalani)
Quellen:
"Tazkiya" von Samir Mourad
"The Meaning of the holy Qur'an" von Abdullah Yusuf Ali
"Kopftuch und Kleidung im Islam" von Ahmad von Denffer
Quelle: http://alumma.wordpress.com/2010/02/09/minirock-und-kopftuch/
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